31/05/2026
Die Zusammenhänge der Energiewende gut erklärt.
Wenn Björn Höcke über Energiepolitik schreibt, klingt es technisch – ist aber am Ende wieder das alte AfD-Muster: ein reales Problem nehmen, es dramatisieren, politische Gegner personalisieren und daraus Kulturkampf machen.
Ja, Wind und Sonne hängen vom Wetter ab. Ja, Dunkelflauten gibt es. Ja, Netze müssen ausgebaut werden. Und ja, ein modernes Stromsystem braucht Speicher, steuerbare Kraftwerke, flexible Verbraucher, europäische Zusammenarbeit und kluge Netzentgelte. Das ist aber kein Beweis dafür, dass erneuerbare Energien „nicht funktionieren“. Es ist der normale Umbau eines Energiesystems, das weg muss von Kohle, Gasabhängigkeit und fossilen Preisschocks.
Der wichtigste Punkt: Deutschland steht nicht kurz vor der Rückkehr zur Kornmühle. 2025 wurden laut Bundesnetzagentur 437,6 Terawattstunden Strom erzeugt. Davon kamen 257,5 Terawattstunden aus erneuerbaren Energien – das waren 58,8 Prozent der gesamten Stromerzeugung. Windkraft war der größte einzelne Energieträger, Photovoltaik legte deutlich zu. Wer daraus eine „Rückkehr ins Mittelalter“ bastelt, betreibt keine Analyse, sondern Propaganda.
Auch die Import-Erzählung ist manipulativ. Stromimporte sind nicht automatisch ein Zeichen von Mangel oder Versagen. Die Bundesnetzagentur erklärt selbst: Strom wird in der Regel dann importiert, wenn die Produktion im Inland teurer wäre. Der europäische Strommarkt funktioniert genau so: Länder kaufen und verkaufen Strom je nach Preis, Angebot und Nachfrage. 2025 hat Deutschland zwar Strom importiert, aber die Importe sanken, die Exporte stiegen und der Nettoimport ging gegenüber dem Vorjahr deutlich zurück.
Und zur sogenannten Dunkelflaute: Natürlich braucht ein Energiesystem Reserven. Niemand Seriöses behauptet, man könne Industrie, Krankenhäuser, Bahn und Haushalte einfach nur mit Wetterhoffnung betreiben. Genau deshalb geht es um Netzausbau, Speicher, flexible Lasten, europäische Netze und zusätzliche steuerbare Kapazitäten. Die Bundesnetzagentur sagt ausdrücklich: Die Stromversorgung bleibt sicher, wenn zusätzliche steuerbare Kapazitäten aufgebaut werden und mehr Verbraucher flexibel auf Strompreise reagieren können. Das ist kein „grüner Irrsinn“, sondern Versorgungssicherheit im 21. Jahrhundert.
Besonders durchsichtig ist Höckes Behauptung, die Bundesnetzagentur wolle die Industrie „zwingen“, nur noch dann zu produzieren, wenn es der Wetterlage passt. Tatsächlich geht es um Anreize, nicht um Planwirtschaft. Industrie und Gewerbe sollen reduzierte Netzentgelte bekommen, wenn sie bei hohem Stromangebot mehr verbrauchen und bei knappem Angebot weniger. Die Bundesnetzagentur schreibt sogar ausdrücklich, dass die technischen Möglichkeiten der Industrie berücksichtigt werden sollen und keine Überforderung der Verbraucher erfolgen soll.
Das ist eigentlich ziemlich marktwirtschaftlich: Wer dem Netz hilft, soll weniger zahlen. Wer flexibel Strom nutzen kann, wird belohntet. Wer nicht flexibel sein kann, soll nicht einfach kaputtreguliert werden. Genau über solche Modelle muss man sachlich streiten. Aber Höcke macht daraus: „Grüne Planwirtschaft“. Das ist keine Kritik, das ist ein Kampfbegriff.
Auch das Netzproblem wird von ihm verdreht. Ja, Netzengpässe kosten Geld. Ja, Redispatch kostet Geld. Aber daraus folgt nicht, dass erneuerbare Energien scheitern. Laut SMARD konnten 2025 mehr als 96 Prozent der erneuerbaren Erzeugung zu den Verbraucherinnen und Verbrauchern transportiert werden; Abregelungen machten 3,5 Prozent der gesamten erneuerbaren Stromerzeugung aus. Das Problem ist also nicht „Wind und Sonne funktionieren nicht“, sondern: Netze, Speicher und Steuerung müssen schneller ausgebaut werden.
Genau hier müsste eine soziale, linke Antwort ansetzen: Energie darf nicht dem Marktchaos, fossilen Konzernen und rechter Stimmungsmache überlassen werden. Wir brauchen öffentliche Investitionen in Netze, Speicher, bezahlbare Strompreise, kommunale Energieversorgung, soziale Entlastung für Haushalte und eine Industriepolitik, die Beschäftigung sichert, statt sie gegen Klimaschutz auszuspielen.
Höckes Text tut so, als verteidige er die Industrie. In Wahrheit verteidigt er ein altes fossiles System, das uns abhängig, teuer und klimapolitisch handlungsunfähig gemacht hat. Die AfD hat keine Lösung für Dunkelflauten, keine Lösung für Netzausbau, keine Lösung für günstigen Industriestrom und keine Lösung für Klimafolgekosten. Sie hat nur Feindbilder: Grüne, Habeck, Behörden, „Planwirtschaft“.
Fachlich bleibt übrig:
Dunkelflauten sind real. Netzengpässe sind real. Flexibilität ist nötig. Aber erneuerbare Energien sind kein mittelalterlicher Rückschritt, sondern längst die tragende Säule der deutschen Stromversorgung. Wer daraus eine Untergangserzählung macht, will nicht erklären – er will verunsichern.
Die Wahrheit ist: Nicht Wind und Sonne treiben uns ins Mittelalter. Fossile Abhängigkeit, Klimakrise und rechte Energie-Propaganda tun es.
1. Strommix 2025: Erneuerbare tragen die Stromversorgung
Bundesnetzagentur – Strommarktdaten 2025
https://www.bundesnetzagentur.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/2026/20260105_Smard.html
Belegt u. a.: 437,6 TWh Stromerzeugung, davon 257,5 TWh erneuerbar, also 58,8 %.
SMARD – Höchste PV-Einspeisung in jedem Quartal
https://www.smard.de/page/home/topic-article/444/218954/hoechste-pv-einspeisung-in-jedem-quartal
Belegt ebenfalls Stromerzeugung, PV-Entwicklung und Erneuerbaren-Anteil 2025.
Bundesnetzagentur – Ausbau Erneuerbarer Energien 2025
https://www.bundesnetzagentur.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/2026/20260108_EEG.html
Belegt: installierte Leistung erneuerbarer Anlagen stieg 2025 auf knapp 210 GW; Solar und Wind waren Haupttreiber.
2. Stromimporte/-exporte: Import ist nicht automatisch Mangel
Bundesnetzagentur – Strommarktdaten 2025
https://www.bundesnetzagentur.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/2026/20260105_Smard.html
Belegt: Deutschland importierte 2025 Strom, exportierte aber ebenfalls erheblich; Stromhandel ist Teil des europäischen Marktes.
SMARD – Strommarktdaten / Marktübersicht
https://www.smard.de/home
Grundquelle für Strommarktdaten, Erzeugung, Verbrauch, Import/Export und Marktpreise.
3. Netzengpässe, Redispatch und Abregelung
SMARD – Maßnahmenvolumen im Gesamtjahr stabil
https://www.smard.de/page/home/topic-article/444/219906/massnahmenvolumen-im-gesamtjahr-stabil
Belegt: Abregelungen erneuerbarer Energien machten 2025 3,5 % der erneuerbaren Stromerzeugung aus; mehr als 96 % konnten eingespeist und genutzt werden.
SMARD – Energiemarkt aktuell 2025
https://www.smard.de/home/energiemarkt-aktuell/2025
Übersichtsseite zu Strommarkt, Netzengpassmanagement und Quartalsentwicklungen 2025.
4. Netzentgelte und flexible Industrie: Anreize statt „Planwirtschaft“
Bundesnetzagentur – Individuelle Netzentgelte Strom gemäß § 19 StromNEV
https://www.bundesnetzagentur.de/689074
Belegt: Es gibt Verfahren zu systemdienlichen Anreizen durch Sondernetzentgelte für Industriekunden; bestehende Regeln passen laut BNetzA nicht mehr vollständig zu einem Stromsystem mit hohen Anteilen erneuerbarer Stromerzeugung.
Bundesnetzagentur – Netzentgelte allgemein
https://www.bundesnetzagentur.de/DE/Beschlusskammern/BK08/BK8_06_Netzentgelte/BK8_NetzE.html
Erklärt, was Netzentgelte sind und wie sie Teil des Strompreises sind.
Bundesnetzagentur – AgNes erklärt
https://www.bundesnetzagentur.de/DE/Fachthemen/ElektrizitaetundGas/Netzentgelte/Anreizregulierung/Agnes/start.html
Erklärt das Verfahren zur neuen Netzentgeltsystematik Strom. Ziel ist laut BNetzA ein faires Agieren aller Netznutzer bei gleichzeitiger Berücksichtigung der Netze.
5. Dynamische Netzentgelte: langfristiges Verfahren, kein Sofort-Zwang
Bundesnetzagentur – AgNes Hintergrundpapier
https://www.bundesnetzagentur.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/20260527_AgnesPapier.pdf?__blob=publicationFile&v=1
Belegt: Dynamische Netzentgelte sollen nach weiteren Analysen frühestens ab 2030 und zunächst bei Speichern auf höchsten Spannungsebenen gestaffelt eingeführt werden.
Bundesnetzagentur – AgNes Kurzinfo
https://www.bundesnetzagentur.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/20260527_AgnesKurzInfo.pdf?__blob=publicationFile&v=3
Kurzfassung mit Zeitplan: Speicher frühestens 2030, Einspeiser frühestens 2032, Verbraucher in der Niederspannung zunächst Opt-in.
Bundesnetzagentur – Vorstellung Zwischenstand AgNes
https://www.bundesnetzagentur.de/DE/Beschlusskammern/GBK/GBK_Termine/Downloads/2026/05_2025/1_Bundesnetzagentur.pdf?__blob=publicationFile&v=5
Belegt den Stufenplan: Analyse 2027, Folgefestlegungen, Speicher 2030–2033, Erzeuger 2032–2035.
6. Versorgungssicherheit und Dunkelflaute
Bundesnetzagentur – Bericht zur Versorgungssicherheit Strom
https://www.bundesnetzagentur.de/DE/Fachthemen/ElektrizitaetundGas/Versorgungssicherheit/Strom/start.html
Belegt: Die Versorgungssicherheit wird regelmäßig untersucht; laut BNetzA ist Versorgung in den betrachteten Szenarien gewährleistet.
Bundesnetzagentur – Veröffentlichung des Versorgungssicherheitsmonitorings
https://www.bundesnetzagentur.de/1072798
Belegt: Stromversorgung bleibt gewährleistet, wenn zusätzliche steuerbare Kapazitäten aufgebaut werden.
Bundesregierung – Stromversorgungssicherheit im Kabinett beschlossen
https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/kabinett-stromversorgungssicherheit-2430320
Belegt: Ziel ist ausreichend flexible Kapazität, damit Versorgung auch bei wenig Sonne und Wind stabil bleibt.
7. Björn Höcke / AfD Thüringen einordnen
Thüringer Landtag – Björn Höcke
https://www.thueringer-landtag.de/abgeordnete/abgeordnete-fraktionen-sitzordnung/abgeordnetendetails/abgeordneter/bjoern-hoecke/
Thüringer Verfassungsschutz – Informationen / AfD Thüringen
https://verfassungsschutz.thueringen.de/informationen-fuer-die-medien