12/07/2026
„Gurbet ilde bir başıma neyleyim? Yârdan ırak yaşanır mı?…“ So lautet eine Zeile im Lied „Gurbet“, das die deutsch-türkische Band Engin am Samstagabend im Rahmen des Vielfalt-tut-gut-Festivals singt. Übersetzt bedeutet das: „Was soll ich alleine in einem fremden Land unternehmen? Ist es möglich, ohne Liebe zu leben?“
Viele der Besucherinnen und Besucher im rund um das AllerWeltHaus in Hagen nicken andächtig zu diesen Worten. Sie kennen die Sehnsucht, die Lücke im Herzen, die dadurch entsteht, dass man seine Heimat - und vor allem: die geliebten Menschen in dieser Heimat zurücklassen muss. H., einer unserer Mitarbeiter im Sozialen Küchenstudio, hat seine beiden Kinder und seine Frau schon so lange nicht mehr gesehen. „Drei Jahre. Ich vermisse sie sehr“, sagt er sehr leise auf meine Frage. N. eine andere Kollegin, kam schon vor vielen Jahren gemeinsam mit ihrem Mann nach Deutschland. Doch die Sehnsucht nach ihren Geschwistern, nach der Familie und den Freundinnen ist ihr ständiger Begleiter.
Ich kann nur erahnen, wie weh es tut, die Familie, den Lebenspartner, die Freun*innen - oder gar die Kinder zurückzulassen. Und ich möchte mir die Gründe gar nicht ausmalen, die zu so einem drastischen Schritt führen: In unserem Sozialen Küchenstudio von Hagen ist BUNT e.V. hören wir viel zu oft von großer Angst, von politischer Verfolgung, von Staaten, in denen das Recht des Einzelnen nichts zählt. Von Ländern, in denen man nicht geboren sein möchte: Als Frau, als nicht-heterosexuelle Person, als politischer Aktivist. Und manchmal auch nur als selber denkender Mensch.
Der Dr. Ferdinand-David-Park ist an diesem Tag voll von Menschen, die solche und ähnliche Geschichten erzählen können. Sie kommen aus Syrien und dem Irak, aus der Ukraine und aus Afghanistan, aus Somalia oder Marokko. Manche der Älteren stammen aus Griechenland und aus der Türkei, sie kamen - wie Engins Eltern - als so genannte Gastarbeiter nach Deutschland. Sie blieben - und bei ihnen blieb auch eine Sehnsucht nach der Heimat.
Und doch ist die Stimmung beim Vielfalt-tut-Gut-Festival heiter. So groß wie nie ist das Fest, die Verantwortlichen haben Großartiges geleistet, haben zwei Bühnen aufgebaut und 44 Pavillons, unter denen gelacht und geredet, gegessen und bei 30 Grad auch geschwitzt wird. Auf der Bühne wird gesungen und getanzt - Musik aus der alten Heimat, und aus der neuen, beherzt kombiniert, entschlossen vorgetragen.
Denn nun sind sie hier, meistern ihren Alltag, versuchen das Beste aus der Situation zu machen, die selten einfach ist, aber fast immer leichter als daheim. Gut, dass Ihr da seid!
„Gurbet ilde bir başıma neyleyim? Yârdan ırak yaşanır mı?…“ Nein. Es ist nicht möglich, ohne Liebe zu leben. Ohne Freundschaft und ohne Respekt. Und genau darum gibt es unser Soziales Küchenstudio. Seit nunmehr zehn Jahren. Und genau darum sind wir auch heute wieder hier, als Team, vom Leben bunt zusammengebracht, jede und jeder mit seiner und ihrer eigenen Geschichte, und wir alle zusammen mit dem Gefühl von Zusammengehörigkeit. Wir backen Waffeln, erzählen über unsere Einrichtung, lernen neue Menschen kennen, entdecken Gemeinsamkeiten - und tanzen am Abend gemeinsam zu der Liedern eines jungen deutschen Mannes, der die Geschichte und die Sehnsucht seiner türkischen Eltern ehrt, indem er ihnen ein Lied geschrieben hat. Auf Türkisch - das er offenbar mit so deutschen Akzent singt, dass meine - in Haspe gross gewordene - Freundin lachen muss. „Sein Türkisch ist so schlecht wie meins.“
Aber was macht das schon? Wir verstehen uns. Das geht zur Not auch ohne Worte.
Vielfalt tut gut. Man muss es einfach zulassen. (niki)
https://youtu.be/Vt8ycbEI2zw?si=bRRqzdgw-9QbijTo