01/09/2019
80 Jahre Kriegsbeginn
Vor 80 Jahren begann der 2. Weltkrieg. Reicht es mit der Aufarbeitung? Was hat das noch mit uns zu tun? Das unfassbare Grauen dieses Krieges wirkt noch bis in die zweite und dritte Generation hinein, so ist in wissenschaftlichen Arbeiten nachzulesen. Im Hinblick auf das Geschehen in den Familien von Holocaust-Opfern gibt es die Arbeit "Transgenerationale Traumatisierung", erstellt im Oktober 2016 von den wissenschaftlichen Diensten des Deutschen Bundestages (Quelle: https://www.bundestag.de/resource/blob/501186/5cab3d455ea7c85a1dfbd7ce458d499a/WD-1-040-16-pdf-data.pdf) Dort ist nachzulesen, was Kriegstraumatisierungen von Eltern mit den Kindern machen können.
Als Täternation sind auch wir Deutschen immer noch mit der emotionalen Aufarbeitung beschäftigt. Schuld und Scham lähmten lange die emotionale Verarbeitung der eigenen Kriegserlebnisse. Das hat sich spätestens vor etwa zehn Jahren geändert. In Sabine Bodes "Kriegsenkel" und in "Nebelkinder", herausgegeben von Michael Schneider und Joachim Süss, las ich erstmals von "transgenerationaler Traumatisierung" im Zusammenhang mit Kriegserlebnissen. Ein verunsichertes Lebensgefühl, unauflösbare Ängste und Blockaden sind, so Bode, häufige Anzeichen dafür.
Dass traumatische Kriegserlebnisse an darauffolgende Generationen weitergegeben werden können, bestätigen neurobiologische Befunde. Am 14.4.2014 stellte Werner Bartens in der SZ online Ergebnisse eines Forscherteams um Isabelle Mansuy an der ETH Zürich vor. Die Wissenschaftler fanden heraus, "dass extremer Stress, feindliche Lebensumstände und Traumatisierungen die Regulation in der Zelle beeinträchtigen. "'Schlechte Erfahrungen hinterlassen Spuren im Gehirn, in den Organen und Keimzellen', sagt Mansuy. Über die Keimzellen werden diese dann weitervererbt." (Quelle: https://www.sueddeutsche.de/gesundheit/genetik-traumatische-erlebnisse-praegen-das-erbgut-1.1936886) Das trifft natürlich nicht jeden, doch es ist gut, hinzugucken.
Ich wurde 1963 geboren. Das Besondere an der Generation der "Kriegsenkel": unsere Eltern waren während des Krieges noch Kinder und konnten ihre Kriegserfahrungen nicht verbalisieren. "Hier handelt es sich um eine große Gruppe von Menschen, die in der Kindheit verheerende Erfahrungen machte, aber über Jahrzehnte eben nicht das Gefühl hatte, etwas besonders Schlimmes erlebt zu haben" schreibt Sabine Bode in "Kriegsenkel".
Darum fragt eure Eltern, solange sie noch da sind. Füllt die weißen Seiten ihrer Kriegszeit mit ihren Erinnerungen. Was haben sie im Bombenkrieg, in der Vertreibung, im Arbeitslager erlebt? Oder haben sie anderen Fürchterliches angetan? Sprechen kann helfen, manche Verhaltensweisen anders einzuordnen und zu verzeihen. Schweigen lässt die "Kriegsgespenster" eher weiterwandern, in die nächste Generation.